Hollands Toleranzmodell hat ein ungelöstes Problem

Von Elsbeth Gugger, Amsterdam. Aktualisiert am 20.11.2008

In den Niederlanden werden Konsum und Verkauf von weichen Drogen seit mehr als 30 Jahren geduldet. Das möchten die Christdemokraten jetzt ändern.

In Amsterdams 234 Coffeeshops ist Kaffee eher eine Nebensache.

In Amsterdams 234 Coffeeshops ist Kaffee eher eine Nebensache.
Bild: Keystone


Am Freitagmittag, kurz vor zwölf, gibts im «420 Café» keinen freien Stuhl mehr. Es sind meist junge (amerikanische) Touristen, die in diesem Coffeeshop unweit vom Amsterdamer Hauptbahnhof einen Joint rauchen, nachdem sie sich am Schalter neben der Bar mit Marihuana oder Haschisch eingedeckt haben.

Ein Kunde darf pro Tag nicht mehr als fünf Gramm kaufen. Michael Veling, der Betreiber des Coffeeshops, ist erpicht darauf, dass sich seine 16 Angestellten an diese und alle anderen Branchenregeln halten: keine Besucher unter 18 Jahren, keine harten Drogen, kein Alkohol, keine Sans-papiers, keine Waffen; und nicht mehr als ein halbes Kilogramm weiche Drogen im Vorrat. Wird eine dieser Bestimmungen nicht eingehalten, können die Behörden den Laden für kürzere oder längere Zeit schliessen. Mindestens viermal jährlich bekomme er Besuch von der Polizei, erzählt der Cannabis-Wirt, der auch als Sprecher der Branchenorganisation BCD auftritt.

Seit den 70er-Jahren werden Coffeeshops in den Niederlanden geduldet: Verkauf und Konsum von Gras ist nicht legal, aber Polizei und Justiz bleiben untätig, solange es um geringe Mengen geht. Ausgangspunkt dieser Toleranzpolitik war die Trennung der harten und weichen Drogenszenen. Gleichzeitig gingen die Behörden davon aus, dass andere Länder nachziehen würden und gemeinsam zur Legalisierung übergegangen werden könnte. Sie irrten sich.

Die Jugend kifft weniger

Mitte der 90er-Jahre gab es in den Niederlanden 1500 Coffeeshops. Und der kleinflächige Anbau von Cannabis florierte. Nach viel ausländischer Kritik an die Adresse des «Narko-Staates» wurde die Branche aber an die Kandare genommen. Heute gibt es laut BCD noch 730 Shops, davon 234 in Amsterdam. Auch wenn der Zugang zum Joint einfach ist, kifft die holländische Jugend übrigens weniger als die Altersgenossen in der übrigen EU oder in den USA.

Trotz aller Kontrollen in den Coffeeshops hat der Staat allerdings ein Problem nie gelöst: Die Shops müssen zwar alle Kriterien eines gewöhnlichen Ladens erfüllen und Steuern sowie Lohnkosten entrichten. Vor der Beschaffung der Handelsware verschliessen die Behörden aber die Augen. Die zunehmende Repression früherer Jahre hatte zur Folge, dass viele Kleinzüchter ihr Estrich-Hobby aufgaben. Mafiöse Organisationen sprangen in die Bresche. Heute setzen diese 80 Prozent ihrer Produktion im Ausland ab, jährlich 500 Tonnen. Damit verdienten die Grossproduzenten 2 Milliarden Euro, rechnete die Polizei kürzlich vor.

«McDope» für die Deutschen

Die regierenden Christdemokraten wollen das Problem nun rigoros mit einem Coffeeshop-Verbot anpacken. Sie fordern dies, nachdem die Bürgermeister zweier Städtchen im Südwesten des Landes die Schliessung ihrer Cannabis-Verkaufspunkte angekündigt hatten. Sie hätten genug von den 25'000 Drogentouristen, die jede Woche ihre Zentren überschwemmten, meinten sie und lösten damit eine nationale Debatte aus, die bisher vor allem eines zeigt: Es gibt keinen Konsens.

Während die einen sie schliessen möchten, verlangen andere – wie die Stadt Eindhoven – just mehr Gras-Kneipen. Und Maastricht will demnächst die Hälfte der 13 Shops an die Grenzperipherie auslagern, um das Zentrum von den jährlich 3,9 Millionen Cannabis-Touristen zu entlasten. In Venlo zeigt diese Massnahme Wirkung. Dort gibt es gleich hinter der Autobahnausfahrt seit vier Jahren einen «McDope», wie der Grenz-Coffeeshop genannt wird. Seit die Deutschen ihr Gras dort kaufen, sei es im Städtchen sauberer und ruhiger geworden, sagen die Stadtbehörden. In Amsterdam hingegen möchte Michael Veling vom «420 Café», dass Verkauf und Konsum legalisiert werden: «Ich habe den grössten Teil meines Lebens das Gesetz übertreten.» Das möchte er endlich ändern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2008, 22:20 Uhr

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