«Es war kein Selbstmord, sondern Massenmord»
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Auf der Sektenfarm «Jonestown» in Guyana starben am 18. November 1978 900 Volkstempler. Tim Carter ist einer der wenigen Überlebenden von damals.
Bild: KEYSTONE/AP
«Ich ging bei der Bühne unseres Pavillons nach rechts und sah meinen Sohn Malcolm. Gift floss aus seinem Mund. ‹Du darfst nicht sterben›, schrie ich. Es half nichts. Malcolm starb in meinen Armen.» Tim Carter starrt bei einem Interviewtermin in einem Hamburger Hotel auf den Tisch. Auch heute noch, exakt 30 Jahre nach dem Drama von Jonestown, kann er nicht fassen, dass am 18. November 1978 im Urwald von Guyana 900 Anhänger der Volkstempler-Sekte auf einmal getötet wurden. «Ich habe mit einem Schlag alles verloren, was mir wichtig war», erzählt er. Carter gehört zu einer Handvoll Überlebender. Er wusste lange Zeit nicht, ob er das zweite Leben als Geschenk oder Strafe betrachten sollte.
Das Unheil begann mit einem Ritual, das der Sektenführer Jim Jones damals regelmässig inszenierte. Der Pastor, der sich als Nachfolger von Jesus sah, nannte es «weisse Nacht». Feuersalven, die durch den Urwald hallten, gaben das Signal. Dann rief Jones eilig seine Anhänger im abgeschiedenen Dschungelcamp über Lautsprecher zum Versammlungspavillon. Der amerikanische Geheimdienst CIA überfalle das Camp und wolle uns vernichten, rief der Führer des Peoples Temple den Anhängern zu.
Die Hauptprobe
«Jim Jones fragte uns, wer bereit sei, einen mit Valium und Zyankali durchsetzten Saft zu trinken», sagt Carter. Nur etwa zehn Personen hätten sich gemeldet und den Giftbecher getrunken. Jones nannte das Ritual «revolutionärer Suizid».
Es sei nur eine Hauptprobe, beruhigte der damals 47-jährige Führer der christlichen Endzeitsekte seine Anhänger, doch diese Übungen für die weissen Nächte folgten in immer kürzeren Abständen. «Unter dem psychischen Druck stieg die Zahl der Personen, die den revolutionären Suizid zu vollziehen bereit waren», sagt Carter. Die Suizidwilligen hofften derweil, dass es wieder nur eine Hauptprobe war.
Die Volkstempler nannten ihren Führer mit der betörenden Stimme Dad oder Father. Father Jim war ein freikirchlicher Pastor und zog mit seiner charismatischen Ausstrahlung die Gläubigen scharenweise in seinen Bann. Schon mit 20 Jahren arbeitete er als Pfarrer in einer Methodistenkirche, fünf Jahre später gründete er seine eigene Gemeinde. In den 1960er-Jahren wurde er für seine soziale Gesinnung bekannt. So zog er vor allem Benachteiligte und Farbige an. Sein sozialistisches Gedankengut war für konservative Amerikaner aber ein Affront.
In den 1970er-Jahren gebärdete sich Jones zusehends als Heilsbringer. Für seine Gläubigen war er ein Prophet. Den Behörden und Angehörigen missfiel die Radikalisierung. Deshalb floh er 1974 mit rund 1000 Jüngern von den USA in den Nordosten Guyanas, wo er im Urwald die landwirtschaftliche Pioniersiedlung Jonestown aufbaute.
Der Traum vom alternativen Leben
Carter folgte Jim Jones zusammen mit seiner Frau Gloria, seinem Bruder und seiner Schwester. «Nach meinen traumatischen Erlebnissen im Vietnamkrieg träumte ich von einer alternativen Lebensform ohne Gewalt und Rassismus», erzählt er. «Ich wollte mithelfen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.»
Das Leben im Camp war hart. Die Volkstempler schufteten bis zum Umfallen, Nahrung war oft knapp, Schlafentzug und Mangelerscheinungen entkräfteten viele. Die Angst vor dem amerikanischen Geheimdienst, die ihnen Jones eingetrichtert hatte, schweisste sie trotz der wachsenden Repressionen zusammen. Sie glaubten ihm, dass sie bewaffnete Sicherheitskräfte brauchten. «Eine Flucht war aussichtslos, das Gelände wurde überwacht. Ausserdem hatten wir alles Geld abgegeben, und unsere Pässe waren konfisziert», so Carter. Und er fügt an: «Ich bin freiwillig nach Jonestown gegangen, aber nicht freiwillig geblieben.»
Wer flüchten wollte oder die Verhaltensregeln verletzte, wurde eingesperrt oder mit Elektroschocks gefoltert. Father Jim entwickelte sich zum Despoten und wendete immer neue Manipulationstechniken und Indoktrinationsmethoden an. Tim Carter ist überzeugt, dass eine schwere Krankheit seinen religiösen und politischen Wahn verschärfte und seine Endzeitvorstellungen begünstigte: «Ich wusste von seiner Betreuerin, dass er todkrank war», erzählt Carter.
Kongressabgeordneter Leo J. Ryan
Angehörige in den USA schlugen vergeblich Alarm, die Behörden liessen sie im Stich. Einzig der Kongressabgeordnete Leo J. Ryan wurde hellhörig, weil er mit einer betroffenen Familie befreundet war. Father Jones erfuhr von den Recherchen Ryans und geriet in Panik.
Dann kam der November 1978. Der Kongressabgeordnete Ryan brach mit einer Delegation nach Jonestown auf, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am 17. November suchte er das Sektencamp auf. Die instruierten Volkstempler gaben artig Auskunft. Sie seien freiwillig hier, berichteten sie, hier lebten sie wie im Paradies. Am Abend präsentierten sie sich bei einem Fest als fröhliche Lebensgemeinschaft. Ryan zeigte sich beeindruckt und bedankte sich in einer Rede. Der Politiker war erleichtert, dass sich die Sektengerüchte nicht bewahrheitet hatten.
Zwei Sektenmitglieder trübten indes das idyllische Bild im letzten Moment. Sie steckten einem Delegationsmitglied heimlich einen Zettel mit der Botschaft zu: «Bitte helfen Sie uns, von Jonestown wegzukommen.»
Der 18. November
Am nächsten Tag, es war der 18. November, führte Marceline Jones, die Frau des Sektenführers, die Besucher bei einem Rundgang durch Jonestown. Plötzlich stellten sich ihnen zwei Familien in den Weg und flehten, sie in die USA mitzunehmen. Jonestown sei keine alternative Lebensgemeinschaft, sondern ein kommunistisches Gefängnis.
Jim Jones geriet unter Druck und musste zähneknirschend die Familien ziehen lassen. Nun signalisierten weitere Volkstempler den Wunsch, Jonestown zu verlassen. Überraschenderweise auch Larry Layton, ein enger Vertrauter von Jones. Die Delegation fuhr zum Rollfeld Fort Kaituma, das ein paar Kilometer entfernt war. Die Sektenmitglieder bestiegen eine Cessna, die Delegation des Politikers eine Twin Otter. Als die Cessna abflugbereit war, schoss Layton auf die Passagiere. Er hatte seine Fluchtabsicht vorgetäuscht, um die Abtrünnigen zu erschiessen.
Das war das Zeichen für Jones’ rote Brigaden. Sie fuhren auf einem Traktor auf das Rollfeld und eröffneten das Feuer auch auf Ryan und seine Begleiter. Der Kongressabgeordnete, vier Journalisten und drei Volkstempler starben im Kugelhagel.
Die «weisse Nacht» beginnt
Zur gleichen Zeit erhielt Tim Carter von Jones im Sektencamp den Auftrag, zusammen mit seinem Bruder 550000 Dollar in drei Koffern auf die sowjetische Botschaft in der Hauptstadt Georgetown zu bringen. Unterwegs kamen ihnen die roten Brigaden entgegen. Sie hätten Ryan erschossen, erzählten sie. Gleichzeitig hallten Schüsse vom Camp herüber. Carter konnte es nicht glauben: «‹Jim Jones ist doch nicht so verrückt, einen Kongressabgeordneten erschiessen zu lassen›, dachte ich und fuhr sofort zurück. ‹Die weisse Nacht, ist es jetzt die richtige?›, schoss es mir durch den Kopf. Beim ersten Pavillon sah ich ein gutes Dutzend Leichen. Jims Frau Marceline schrie: ‹Nein, nein, nein.› Ich sah, wie die Leute reihenweise starben. Mein Hirn war leer, ich war wie betäubt. Die Sicherheitsleute rissen den Müttern ihre Babys aus den Armen und spritzten ihnen das Gift.»
Die Erinnerungen schnüren Carter auch heute noch die Kehle zu. Nach einer Pause fährt er fort: «Ich fand meinen einjährigen Sohn Malcolm und meine Frau Gloria neben der Bühne. Gift floss aus Malcolms Mund. Ich sehe ihn vor mir, als sei es gestern gewesen. Malcolm starb in meinen Armen.» Das Drama wiederholte sich kurz darauf mit seiner Frau Gloria. «‹I love you, I love›, hauchte sie mir ins Ohr.» Tim Carter kramt ein kleines Foto von seinem Sohn aus dem Portemonnaie.
In seiner Ohnmacht rannte Carter wie von Sinnen zum Haus von Jones. «Malcolm ist tot, sie haben ihn umgebracht», schrie er. «Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten es tun», bekam er zur Antwort. «Ich konnte keinen Sinn mehr im Leben erkennen und wollte auch sterben», erzählt der Überlebende, der mit seinem Bruder in den Urwald flüchtete.
Unter den Leichen 276 Kinder
Tim Carter musste zwei Tage nach dem Massaker an den Ort des Schreckens zurück. «Ich stieg über Leichen, um meine toten Freunde zu identifizieren. Sie lagen übereinander, eng umschlungen oder sich an den Händen haltend.» Unter ihnen 276 Kinder. Bei den Toten befanden sich auch die Familie seiner Schwester, die Frau seines Bruders und dessen Tochter.
Carter beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Phänomen und stellt die immer gleichen Fragen. Wie konnte der Wahnsinn passieren? Antworten fallen ihm auch heute noch schwer. Sicher ist für ihn aber, dass das Massaker kein kollektiver Suizid war, sondern ein Massenmord. Viele Leichen wiesen Einstiche auf, andere Schusswunden. «Wer den Becher nicht getrunken hat, erhielt die Giftspritze oder die Kugel. Die Leute waren vor dem Drama mit Valium vollgepumpt worden.» Und Jim Jones? Sie fanden den Sektenführer mit einer Kugel im Kopf. «Ob er erschossen worden war oder sich selbst gerichtet hatte, konnte nie geklärt werden», sagt Carter.
Der heute 60-jährige Tim Carter fand rasch wieder ins Leben zurück, auch wenn weiterhin kaum ein Tag vergeht, ohne dass ihn die Bilder von damals einholen. Er heiratete 1980 ein zweites Mal und wurde Vater von zwei Töchtern und einem Sohn. Das kleine Foto von seinem Sohn Malcolm hütet er aber weiter wie ein Geheimnis.
Tim Carter tritt am 26. November zusammen mit Hugo Stamm in der «Johannes B. Kerner»-Talkshow im ZDF auf. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2008, 16:00 Uhr
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