«Es war kein Selbstmord, sondern Massenmord»

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 18.11.2008

Auf einer Sektenfarm in Guyana kamen vor dreissig Jahren 900 Volkstempler um. Tim Carter überlebte und denkt täglich daran, wie Frau und Sohn in seinen Armen starben.

1/6 Auf der Sektenfarm «Jonestown» in Guyana starben am 18. November 1978 900 Volkstempler. Tim Carter ist einer der wenigen Überlebenden von damals.
Bild: KEYSTONE/AP


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«Ich ging bei der Bühne unseres Pavillons nach rechts und sah meinen Sohn Mal­colm. Gift floss aus seinem Mund. ‹Du darfst nicht sterben›, schrie ich. Es half nichts. Malcolm starb in meinen Armen.» Tim Carter starrt bei einem Inter­viewtermin in einem Hamburger Hotel auf den Tisch. Auch heute noch, exakt 30 Jahre nach dem Drama von Jonestown, kann er nicht fassen, dass am 18. Novem­ber 1978 im Urwald von Guyana 900 Anhänger der Volkstempler­-Sekte auf einmal getötet wurden. «Ich habe mit ei­nem Schlag alles verloren, was mir wichtig war», er­zählt er. Carter ge­hört zu einer Hand­voll Überlebender. Er wusste lange Zeit nicht, ob er das zweite Leben als Geschenk oder Strafe be­trachten sollte.

Das Unheil begann mit einem Ritual, das der Sektenführer Jim Jones damals re­gelmässig inszenierte. Der Pastor, der sich als Nachfolger von Jesus sah, nannte es «weisse Nacht». Feuersalven, die durch den Urwald hallten, gaben das Signal. Dann rief Jones eilig seine Anhänger im abgeschiedenen Dschungelcamp über Lautsprecher zum Versammlungspavil­lon. Der amerikanische Geheimdienst CIA überfalle das Camp und wolle uns vernich­ten, rief der Führer des Peoples Temple den Anhängern zu.

Die Hauptprobe

«Jim Jones fragte uns, wer bereit sei, einen mit Valium und Zyankali durchsetz­ten Saft zu trinken», sagt Carter. Nur etwa zehn Personen hätten sich gemeldet und den Giftbecher getrunken. Jones nannte das Ritual «revolutionärer Suizid».

Es sei nur eine Hauptprobe, beruhigte der damals 47-jährige Führer der christli­chen Endzeitsekte seine Anhänger, doch diese Übungen für die weissen Nächte folgten in immer kürzeren Abständen. «Unter dem psychischen Druck stieg die Zahl der Personen, die den revolutionären Suizid zu vollziehen bereit waren», sagt Carter. Die Suizidwilligen hofften derweil, dass es wieder nur eine Hauptprobe war.

Die Volkstempler nannten ihren Führer mit der betörenden Stimme Dad oder Fat­her. Father Jim war ein freikirchlicher Pas­tor und zog mit seiner charismatischen Ausstrahlung die Gläubigen scharenweise in seinen Bann. Schon mit 20 Jahren arbei­tete er als Pfarrer in einer Methodistenkirche, fünf Jahre später gründete er seine eigene Gemeinde. In den 1960er-Jahren wurde er für seine soziale Gesinnung be­kannt. So zog er vor allem Benachteiligte und Farbige an. Sein sozialistisches Ge­dankengut war für konservative Amerika­ner aber ein Affront.

In den 1970er-Jahren gebärdete sich Jones zusehends als Heilsbringer. Für seine Gläubigen war er ein Prophet. Den Behörden und Angehörigen missfiel die Radikalisierung. Deshalb floh er 1974 mit rund 1000 Jüngern von den USA in den Nordosten Guyanas, wo er im Urwald die landwirtschaftliche Pioniersiedlung Jonestown aufbaute.

Der Traum vom alternativen Leben

Carter folgte Jim Jones zusammen mit seiner Frau Gloria, seinem Bruder und sei­ner Schwester. «Nach meinen traumatischen Erlebnissen im Vietnamkrieg träumte ich von einer alternativen Lebens­form ohne Gewalt und Rassismus», er­zählt er. «Ich wollte mithelfen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.»

Das Leben im Camp war hart. Die Volkstempler schufteten bis zum Umfal­len, Nahrung war oft knapp, Schlafentzug und Mangelerscheinungen entkräfteten viele. Die Angst vor dem amerikanischen Geheimdienst, die ihnen Jones eingetrich­tert hatte, schweisste sie trotz der wach­senden Repressionen zusammen. Sie glaubten ihm, dass sie bewaffnete Sicherheitskräfte brauchten. «Eine Flucht war aussichtslos, das Gelände wurde über­wacht. Ausserdem hatten wir alles Geld abgegeben, und unsere Pässe waren kon­fisziert», so Carter. Und er fügt an: «Ich bin freiwillig nach Jonestown gegangen, aber nicht freiwillig geblieben.»

Wer flüchten wollte oder die Verhal­tensregeln verletzte, wurde eingesperrt oder mit Elektroschocks gefoltert. Father Jim entwickelte sich zum Despoten und wendete immer neue Manipulationstech­niken und Indoktrinationsmethoden an. Tim Carter ist überzeugt, dass eine schwere Krankheit seinen religiösen und politischen Wahn verschärfte und seine Endzeitvorstellungen begünstigte: «Ich wusste von seiner Betreuerin, dass er tod­krank war», erzählt Carter.

Kongressabgeordneter Leo J. Ryan

Angehörige in den USA schlugen ver­geblich Alarm, die Behörden liessen sie im Stich. Einzig der Kongressabgeordnete Leo J. Ryan wurde hellhörig, weil er mit einer betroffenen Familie befreundet war. Father Jones erfuhr von den Recherchen Ryans und geriet in Panik.

Dann kam der November 1978. Der Kon­gressabgeordnete Ryan brach mit einer Delegation nach Jonestown auf, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am 17. No­vember suchte er das Sektencamp auf. Die instruierten Volkstempler gaben artig Auskunft. Sie seien freiwillig hier, berich­teten sie, hier lebten sie wie im Paradies. Am Abend präsentierten sie sich bei ei­nem Fest als fröhliche Lebensgemein­schaft. Ryan zeigte sich beeindruckt und bedankte sich in einer Rede. Der Politiker war erleichtert, dass sich die Sektenge­rüchte nicht bewahrheitet hatten.

Zwei Sektenmitglieder trübten indes das idyllische Bild im letzten Moment. Sie steckten einem Delegationsmitglied heimlich einen Zettel mit der Botschaft zu: «Bitte helfen Sie uns, von Jonestown weg­zukommen.»

Der 18. November

Am nächsten Tag, es war der 18. No­vember, führte Marceline Jones, die Frau des Sektenführers, die Besucher bei einem Rundgang durch Jonestown. Plötzlich stellten sich ihnen zwei Familien in den Weg und flehten, sie in die USA mitzuneh­men. Jonestown sei keine alternative Le­bensgemeinschaft, sondern ein kommu­nistisches Gefängnis.

Jim Jones geriet unter Druck und musste zähneknirschend die Familien zie­hen lassen. Nun signalisierten weitere Volkstempler den Wunsch, Jonestown zu verlassen. Überraschenderweise auch Larry Layton, ein enger Vertrauter von Jones. Die Delegation fuhr zum Rollfeld Fort Kaituma, das ein paar Kilometer ent­fernt war. Die Sektenmitglieder bestiegen eine Cessna, die Delegation des Politikers eine Twin Otter. Als die Cessna abflugbe­reit war, schoss Layton auf die Passagiere. Er hatte seine Fluchtabsicht vorgetäuscht, um die Abtrünnigen zu erschiessen.

Das war das Zeichen für Jones’ rote Bri­gaden. Sie fuhren auf einem Traktor auf das Rollfeld und eröffneten das Feuer auch auf Ryan und seine Begleiter. Der Kon­gressabgeordnete, vier Journalisten und drei Volkstempler starben im Kugelhagel.

Die «weisse Nacht» beginnt

Zur gleichen Zeit erhielt Tim Carter von Jones im Sektencamp den Auftrag, zusam­men mit seinem Bruder 550000 Dollar in drei Koffern auf die sowjetische Botschaft in der Hauptstadt Georgetown zu bringen. Unterwegs kamen ihnen die roten Briga­den entgegen. Sie hätten Ryan erschossen, erzählten sie. Gleichzeitig hallten Schüsse vom Camp herüber. Carter konnte es nicht glauben: «‹Jim Jones ist doch nicht so ver­rückt, einen Kongressabgeordneten er­schiessen zu lassen›, dachte ich und fuhr sofort zurück. ‹Die weisse Nacht, ist es jetzt die richtige?›, schoss es mir durch den Kopf. Beim ersten Pavillon sah ich ein gutes Dutzend Leichen. Jims Frau Marceline schrie: ‹Nein, nein, nein.› Ich sah, wie die Leute reihenweise starben. Mein Hirn war leer, ich war wie betäubt. Die Sicherheits­leute rissen den Müttern ihre Babys aus den Armen und spritzten ihnen das Gift.»

Die Erinnerungen schnüren Carter auch heute noch die Kehle zu. Nach einer Pause fährt er fort: «Ich fand meinen einjährigen Sohn Malcolm und meine Frau Gloria ne­ben der Bühne. Gift floss aus Malcolms Mund. Ich sehe ihn vor mir, als sei es ges­tern gewesen. Malcolm starb in meinen Armen.» Das Drama wiederholte sich kurz darauf mit seiner Frau Gloria. «‹I love you, I love›, hauchte sie mir ins Ohr.» Tim Carter kramt ein kleines Foto von seinem Sohn aus dem Portemonnaie.

In seiner Ohnmacht rannte Carter wie von Sinnen zum Haus von Jones. «Mal­colm ist tot, sie haben ihn umgebracht», schrie er. «Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten es tun», bekam er zur Ant­wort. «Ich konnte keinen Sinn mehr im Le­ben erkennen und wollte auch sterben», erzählt der Überlebende, der mit seinem Bruder in den Urwald flüchtete.

Unter den Leichen 276 Kinder

Tim Carter musste zwei Tage nach dem Massaker an den Ort des Schreckens zu­rück. «Ich stieg über Leichen, um meine toten Freunde zu identifizieren. Sie lagen übereinander, eng umschlungen oder sich an den Händen haltend.» Unter ihnen 276 Kinder. Bei den Toten befanden sich auch die Familie seiner Schwester, die Frau sei­nes Bruders und dessen Tochter.

Carter beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Phänomen und stellt die immer gleichen Fragen. Wie konnte der Wahn­sinn passieren? Antworten fallen ihm auch heute noch schwer. Sicher ist für ihn aber, dass das Massaker kein kollektiver Suizid war, sondern ein Massenmord. Viele Lei­chen wiesen Einstiche auf, andere Schuss­wunden. «Wer den Becher nicht getrun­ken hat, erhielt die Giftspritze oder die Ku­gel. Die Leute waren vor dem Drama mit Valium vollgepumpt worden.» Und Jim Jones? Sie fanden den Sekten­führer mit einer Kugel im Kopf. «Ob er er­schossen worden war oder sich selbst ge­richtet hatte, konnte nie geklärt werden», sagt Carter.

Der heute 60-jährige Tim Carter fand rasch wieder ins Leben zurück, auch wenn weiterhin kaum ein Tag vergeht, ohne dass ihn die Bilder von damals einholen. Er heiratete 1980 ein zweites Mal und wurde Vater von zwei Töchtern und einem Sohn. Das kleine Foto von seinem Sohn Malcolm hütet er aber weiter wie ein Geheimnis.

Tim Carter tritt am 26. November zusam­men mit Hugo Stamm in der «Johannes B. Kerner»-Talkshow im ZDF auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2008, 16:00 Uhr

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